Folge 139 – Infodump

Hintergrundinformationen zu Plot, Setting und Figuren eines Romans sind wichtig. Deswegen ist die Versuchung groß, diese Informationen dem Leser zu erzählen. Infodump nennen es Lektoren und Agenten, wenn zu viele Informationen zu plump und offensichtlich beim Leser abgeladen werden sollen.

In dieser Folge diskutieren wir Tipps, mit denen es gelingen, Infodump zu vermeiden und somit spannender zu schreiben:

24 Gedanken zu “Folge 139 – Infodump

  1. Ich glaube, die Pfeifenkrautgeschichte hat eine Funktion, sie dient dazu, die Welt glaubhaft zu machen. Wenn in der Geschichte schon so etwas Langweiliges gibt, macht es die Welt realistischer.

    Ich habe nichts gegen längere Informationen, man darf nur nicht langweilen, am besten noch unterhalten. Die Informationen zu Figuren stückle ich auch.

    • Natürlich hatte für Tolkien der Exkurs über Pfeifenkraut eine Funktion. Die Frage ist, ob sie eine für mich als Leser hat. Bei aller Liebe zu Tolkien – ich habe den Herrn der Ringe und den Hobbit bestimmt ein Dutzend mal gelesen – er war halt Professor. Und deswegen konnte er leidenschaftlich über Details dozieren, die die meisten anderen sterbenslangweilig finden.

      Ich sehe das wie Axel. In der Essenz ist der Herr der Ringe ein tolles Buch, eines der besten. Aber man muss sich an einigen Stellen durchbeißen. Natürlich gibt es Leser, die das gerne tun. Ich schätze nur, dass das immer weniger werden. Der Herr der Ringe hat ja auch eine Erfolgsgeschichte hinter sich, die über die Studentenbewegung ging, also über ein Publikum, dass diesen Stil auch schon aus dem Hörsaal gewohnt war. Und vor allem hat der Roman halt schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel.

      Ich denke nicht, dass man heutzutage noch so schreiben sollte. Zumindest ist das hohe Risiko dabei, nicht veröffentlicht und gelesen zu werden.

      • Sie hat auch eine für Leser. Sie soll dir die Welt realistischer. Vielleicht würde man heute etwas anders vorgehen, um den gleichen Effekt zu erzielen.

  2. Ich finde, es kann auch Seiten geben, die man überlesen darf. Sie haben die Funktion, die Sachen glaubwürdiger zu machen. Der Autor sollte wissen, dass sie überlesen werden können, sie dennoch so interessant schreiben, dass man es gern liest.

    Beispielsweise: Es werden seitenlang Insekten aufgezählt. Da muss der mündige Leser erkennen, das sind Insekten, und die Figur kennt sich gut mit Insekten aus. Da geht es nicht um die einzelne Information als solches, sondern um die Struktur der Information.

    • Das halte ich nicht für praktikabel. Entweder ich kann so spannend über Insekten schreiben, dass der Leser diese Seiten eben nicht überaltert, oder das Geschriebene taugt einfach nichts. Ein Roman ist kein Lexikon. Ich wüsste auch nicht, was für die Glaubwürdigkeit gewonnen ist, wenn ich diese Seiten gar nicht lese.

      • Du liest die ersten Wörter und vielleicht die letzten Wörter und erkennst, alles Insekten. Wenn er so viele Insekten aufzählt, dann muss sich die Figur X wirklich mit Insekten auskennen, wenn er schon so viele aufzählen, wobei man die Hälfte nicht mal kennt. Es wird also nicht nur behauptet, der kennt sich mit Insekten aus, er kennt sich wirklich mit Insekten aus. Gutes Beispiel für Show, don’t tell.
        Oder man baut einen Fahrplan oder einen Einkaufszettel ein.
        Es gibt Text, wo bereits die Textgattung oder die Gestaltung etwas über den Inhalt aussagt. Wenn man ein erkenmnt, dass das Gedicht Materialen zu einer Kritik der nekanntesten Gedichtsform italienischen Ursprung selbst ein Sonett ist, hilft es zu verstehen.

  3. Eine wirklich unterhaltsame und inforeiche Folge.

    Besonders wenn man sich im Fantasybereich bewegt, der in die epische Breite geht, dann ist Infodump wohl die gefährlichste Sache überhaupt. (Gerade weil man sie bei den Großmeistern des Genres so stark findet. Bei Tolkien, den ich sehr schätze, am offensichtlichsten, G.R:R.M. etwas verpackter, aber stark vorhanden, nur Pratchett bildet hier eine spritzige Ausnahme.)
    Aufmerksam wurde ich als Marcus von dem alten Mann auf dem Stein erzählt hat, der sein Wissen preisgibt. Vielleicht denke ich nochmal über eine meiner Figuren nach, die sich mit „alter weiser Mann auf Pferd“ beschreiben ließe.

    Vielen Dank für die anregende Folge.
    Martin

    • Ja, ich finde auch, dass gerade Fantasy unter Infodump leidet. Bei GRRM ist mir Infodump gar nicht so negativ aufgefallen. Aber ich habe auch nicht alle Teile gelesen.

      Pratchett bildet eigentlich keine Ausnahme. Bei ihm steht nur der Humor im Vordergrund. Und wenn ich hat einfach so witzig schreiben kann wie Pratchett, kann ich auch Fußnoten über Pfeifenkraut verfassen 😉

  4. P.S. Ein sonderbares und gleichsam erheiterndes Bild schwebt vor meinem geistigen Auge:
    Marcus und Axel in vierzig Jahren mit weißem langem Haar gemeinsam auf einem Stein.
    Verzeiht mir, aber das Bild ist zu originell. 😉

  5. Ich gehöre noch zu der Generation, die mit Karl May ins Lesen eingestiegen ist. Er arbeitete viel mit kurzen, knackigen Fußnoten. So benutzte er zum Beispiel arabische Begriffe im Text, und in den Fußnote kam die Übersetzung. Das ist ja auch so eine Art Infodump.
    .
    Als Jugendlicher fand ich das toll. Die fremden Begriffe sorgten für Atmosphäre und die Fußnoten machten sie für mich verständlich.

    So was sieht man heute gar nicht mehr. Fußnoten scheinen nicht mehr zeitgemäß zu sein. Wie würde man heute so was machen?

    • Doch, man sieht das noch, aber eher selten. Und das hat halt seine Gründe. Fußnoten reißen einen aus dem Lesefluss. Früher wurde das von Lesern noch eher toleriert, heutzutage würde ich so was nur machen, wenn ich Terry Pratchett bin.

      Bei Pratchett funktionieren Infodump und Fußnoten meiner Meinung nach, weil der Leser eben keinen spanenden Page Turner erwartet, sondern viele Witze und Pointen. Ob diese dann im eigentlichen Romantext oder in einer Fußnote stehen, ist schnuppe.

  6. Ich bin ja nun ein wenig am grübeln, da ich eine fiktive Biographie eines Vampires schreibe. Dabei benutze ich dann oft solche Stellen wie „Ach übrigens, werter Leser usw.“ und „Man muss dazu wissen“…Also als wenn der Vampir, der aus seinem Leben berichtet immer mal wieder gerne abschweift und mit dem Leser plaudert. Ein wenig orientiere ich mich dabei an dem Stil von Bernard Cornwell, der ja auch immerhin Bestsellerautor ist…Ist das. was ich mache jetzt schon Infodump oder legitim, weil es eben auch kein richtiger Roman in dem Sinne ist?

    • Da sind wir bei einem spannenden Punkt. Das ist halt bei allen Dinge rund ums kreative Schreiben so. Es wird immer einen Autor geben, der trotz (oder wegen?) irgendwelcher Verstöße gegen irgendwelche goldenen Regeln ein Bestsellerautor ist. Und so mancher hat seinen Durchbruch auch mit sehr ungewöhnlichen Debütromanen gehabt.

      Es gibt viele Faktoren, die Verlage, Lektoren, Agenten und auch Leser dazu bringen, einem Buch mit Wohlwollen zu begegnen. Manche liegen auch jenseits des Schreibens in der Marke begründet, die ein Autor verkörpert.

      So oder so, ich würde mir jedenfalls an solchen Dingen kein Beispiel nehmen.

  7. Ich fand einen Teilaspekt eures Podcasts ganz besonders interessant: Nämlich die Frage, wie ich Infos bei einem Krimi/Thriller jeweils zur richtigen Zeit preisgebe. Ich selbst beschäftige mich damit gerade intensiv, da mein aktuelles Projekt auf zwei Zeitebenen abläuft. Auf Zeitebene 2 (der Gegenwart) agieren die Ermittler, während auf Zeitebene 1 die Geschichte in der Vergangenheit erzählt wird. Nun müssen aber beide spannend bleiben, also darf ich nicht immer schon die Vergangenheit vorwegnehmen, denn dann haben die Ermittler recht wenig dem Leser zu bieten. Gleichwohl wäre es sterbenslangweilig, wenn die Ermittler in der Gegenwart erst alles aufdecken und es in der anderen Storyline dann einfach noch mal ausführlicher nacherzählt wird.
    Wie geht ihr damit um? Wäre das vielleicht sogar mal was für einen eigenen Podcast?

    Apropos, ich vermisse echt Specials wie eine Grill- oder Joggingfolge (auch wenn das für Youtube knifflig wird). Und wo wir bei Ideen sind: Axel hat ja immer mal wieder (insb. bei bücherreich) bißchen über die Julia Wagner-Bücher erzählt. Ich fände es total spannend, mal die ganze Geschichte zu hören. Wann sind die Bücher entstanden, wie kamen die Ideen, wie kam’s zur Veröffentlichung? Ich finde, das wäre mal eine geniale Gelegenheit, das komplette „Leben“ eines Buchs nachzuvollziehen.

    • Das sind ganz tolle Ideen für Folgen, Oliver. Da werden wir bestimmt was draus machen.

      Über ein Special grübeln Axel und ich schon eine ganze Weile. Ideen haben wir schon, allein die Zeit zum Umsetzen fehlt uns im Moment. Dass wir nun auch Videos machen, liegt auch daran, dass wir es im Moment gar nicht packen, uns wöchentlich zu treffen. Aber es kommen bestimmt mal wieder welche.

      Und ich werde auch mal versuchen, Axel zu einer Maning-Of-Folge zu überzeugen. Das halte ich auch für gut.

    • Parallel erzählte Zeitlinien sind auch für mich gerade ein aktuelles Thema. Ich empfehle dir da Das Nebelhaus von Eric Berg. Ob man die Story an sich mag ist nebensächlich. Aber ich finde es sehr gelungen wie Gegenwart und Vergangenheit verknüpft werden. Ich habe es als Hörbuch gehört, da war der Effekt noch intensiver, da es für die Zeiten zwei verschiedene Sprecher gab.
      Toller Podcast, ihr habt mir den wichtigen Funken Motivation gegeben, um endlich das Projekt „Roman schreiben“ in Angriff zu nehmen. Und ich freue mich jetzt auf November, denn ich hab mich entschlossen direkt beim NANOWRIMO teilzunehmen. Es wäre toll wenn ihr mich als Writing Buddy hinzufügen könntet, ich glaube ich kann Hilfe gebrauchen. Bin schon sehr gespannt wie das wird. Bin dort unter Ethlon zu finden.
      Ich hoffe es gibt noch viele Folgen von euch, auch wenn die Zeit knapp ist.

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