Interview: Richard Dübell

Foto: Uwe Zucchi 2011

Foto: Uwe Zucchi 2011

Richard Dübell ist vor allem bekannt als Autor historischer Romane. Die SchreibDilettanten hatten das große Vergnügen, ihn beim Ullstein Open House live erleben zu dürfen. Da wir brav seinem lebendigen und sehr aufschlussreichem Vortrag zum Thema Recherche lauschten, gewährte er uns großzügig dieses Interview über seine Autorenalltag, in dem er Einiges über seinen Schreibprozess verrät.

Kurzvita:

  • Geburtsdatum: 05.10.1962
  • Geburtstort: Landshut
  • Familienstand: verheiratet, 2 Kinder, 1 Katze
  • Wohnort: in der Nähe Landshuts
  • Erlernter Beruf: Industriefachwirt (IHK)
  • Autor seit: 1997 (Erscheinungsjahr DER TUCHHÄNDLER)
  • Unter Vertrag bei: Bastei Lübbe, Ullstein, Ravensburger
  • Bisheriges Werk: 14 historische Romane, 12 PM History-Artikel, Mitarbeit in 2 Kurzgeschichten-Anthologien, 1 Drehbuch (gefördert vom FFF im Jahr 2000), 1 Exklusiv-e-Book in Zusammenarbeit mit AmazonKindle
  • Übersetzungen: 14 Sprachen, darunter auch Südkoreanisch
  • Literaturagentur: Bastian Schlück
  • Eventmanagement: Christine Pongratz
  • Preise: Kulturförderpreis der Stadt Landshut 2003, Narrhalla-Orden der Stadt Landshut 2004
  • Sonstige Tätigkeiten: Stadtführer in Landshut, Theaterproduzent, Grafiker

1. Kapitel: Hosenscheißer (1962 – 1967)
Die Erinnerung an die frühen Kinderjahre ist getrübt – Ohrenzeugen zufolge ist anhaltendes Gebrüll eine beliebte Kommunikationsmethode – hervorstechendes äußeres Merkmal: kurze Sepperlhose, strohblonde Haare, dünne Beine, dickes Grinsen im Gesicht.

2. Kapitel: Schulisches Genie (1967 – 1976)
Jahrelange Nachwirkungen des ersten Schultags und an diesem die verzweifelte Frage: Wieso haben alle Klassenkameraden Rennautos auf den Schultüten und ich Schneewittchen? – Karriereknick im Gymnasium oder: Die Rache des Physiklehrers

3. Kapitel: Lehrjahre sind keine … (1976 – 1979)
Das Geheimarchiv der Energieversorgung: eine Lehrzeit in der Aktenablage – Berufsvorbilder an der Stempeluhr – ich muss hier raus! – Fluchtpunkt München – es gibt so viele schlechte Chefs: ich will ein guter sein!

4. Kapitel: Was mache ich am Nachmittag? (1976 – 1994)
Kreative Ausweichstellen – der Fotograf (nicht ungewöhnlich genug) – der Cartoonist (nicht politisch genug) – der Aquarellmaler (nicht farbsicher genug) – der Musiker (ogottogott!)

5. Kapitel: Ich glaub, hier ist eine Straße (1976 – 1994)
Die Entdeckung des geschriebenen Worts – Preise für Kurzgeschichten – Perry Rhodan: Unser Mann im Universum (und ich!) – Fanzines mit großen Auflagen (30 Stück und mehr!)

6. Kapitel: Das Projekt (1994 – 1995)
Weg von Kurzgeschichten, hin zum historischen Roman – Die äußeren Umstände der Sünde – haben Sie nichts anderes?

7. Kapitel: Auf dem Weg (1995 – grade eben
Erste Romanveröffentlichung: Der Tuchhändler, 1997 – seitdem: 14 historische Romane, in 14 Sprachen weltweit übersetzt, 1 Million verkaufte Exemplare – Kulturpreisträger der Stadt Landshut – Buchautor, Dozent, Stadtführer und Drehbuchdoktor

Interview

Lieber Richard, verrate kurz ein wenig etwas über dich und empfehle uns, welches deiner Bücher wir unbedingt zuerst lesen sollten.

Mein Name ist Richard Dübell. Ich bin dank der Gnade meines Geburtsortes Niederbayer und dank der Ungnade des Kalenders im Jahr 2012 ein halbes Jahrhundert alt. Ich lebe mit meiner Familie (1 Frau, 2 Söhne und eine Katze, die mich nicht mag) mittlerweile wieder in der Nähe meines Geburtsortes, weil die meisten Niederbayern irgendwann einmal wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren.

Welches meiner Bücher sollte man zuerst lesen? Also, rein von der Warte der Erzählchronologie her betrachtet, macht es Sinn, Der Tuchhändler zuerst zu lesen –wenn man die fünfteilige Mittelalterkrimi-Reihe um den Kaufmann Peter Bernward in der richtigen Reihenfolge lesen will. Will man die Trilogie um den Codex Gigas, das größte Manuskript der Welt, in der richtigen Reihenfolge lesen, sollte man mit Die Teufelsbibel beginnen. Vielleicht hilft eine kurze Aufzählung bei der Entscheidungsfindung:

„Tuchhändler“-Serie:

  1. Der Tuchhändler
  2. Eine Messe für die Medici
  3. Die schwarzen Wasser von San Marco
  4. Das Spiel des Alchimisten
  5. Der Sohn des Tuchhändlers
„Teufelsbibel“-Trilogie:
  1. Die Teufelsbibel
  2. Die Wächter der Teufelsbibel
  3. Die Erbin der Teufelsbibel
Einzelromane
Gemeinschaftsroman von Quo Vadis

In Anthologien

Was war in deinem Leben das entscheidende Ereignis, das dich zum Schreiben brachte?

Es gibt zunächst ein entscheidendes Erlebnis, das mich zum Lesen brachte: das war der Büchereiausweis, den meine Oma mir schenkte, als ich sechs Jahre alt war. Ohne Lesen gibt es m.E. kein Schreiben; jeder Autor ist auch eine begeisterte Leseratte.

Was mein Leben als Autor betrifft, gibt es zwei Wendepunkte: Zum einen – als Teenager – die Berührung mit der Perry-Rhodan-Welt. Der Kontakt der Perry-Rhodan-Autoren zu ihren Lesern war und ist sehr eng, und ich fühlte, je mehr ich zum Fan der Serie wurde, die Begeisterung des Autorenteams für das Erzählen ihrer Geschichten. Bei mir selbst empfand ich zusehends Begeisterung bei dem Gedanken, vielleicht eines Tages auch einmal einen Perry-Rhodan-Roman schreiben zu können. In diesem Geist machte ich bei zwei Kurzgeschichtenwettbewerben der Redaktion mit und gewann beide Male den ersten Preis. Dies verschaffte mir engen Kontakt mit dem Fandom. In den nächsten Jahren arbeitete ich als Redakteur, Lektor, Autor und Grafiker bei verschiedenen Fan-Magazinen mit und war glücklich.

Der Eintritt ins Berufsleben brachte mich dann, was das Schreiben angeht, für eine Weile aus dem Tritt; aber – wir kommen jetzt zum zweiten Wendepunkt – Mitte der Neunziger Jahre hatte sich genügend kreatives Potenzial ungenutzt in mir aufgestaut, so dass ich gar nicht mehr anders konnte, als wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Ich hatte das Glück, dass mein erster veröffentlichter Roman, Der Tuchhändler, sofort ein Bestseller wurde. Seitdem kann ich behaupten, dass ich den besten Beruf der Welt habe: den als Autor.

Wie schaffst du es, dich täglichen zum Schreiben zu motivieren?

Ich muss mich kaum jemals zum Schreiben motivieren. Eher muss ich mich manchmal zwingen, vom Schreibtisch aufzustehen und mich meiner Familie, meinen anderen Interessen oder mir selbst zu widmen. Zum Schreiben inspiriert werde ich von guten Geschichten; diese können in Form eines Buches, eines Artikel oder auch eines guten Films mein Interesse wecken. Es ist also der Drang, meine eigenen Geschichten zu erzählen, der mich vor die Tastatur holt. Natürlich motivieren auch sich nähernde Abgabetermine … oder – in einem viel stärkeren Maß! – der Zuspruch von Leserinnen und Lesern, denen meine Geschichten gefallen. Da weiß man dann auch wieder – falls man es vergessen haben sollte – für wen man letztendlich schreibt …

Wie sieht ein typischer Tag am Schreibtisch für dich aus?

Mein Arbeitstag beginnt spätestens um 8.00 Uhr morgens. Theoretisch schreibe ich, ohne links und rechts zu schauen, bis gegen 13.00 Uhr; dann kommen meine Jungs von der Schule nach Hause, und wir essen gemeinsam zu Mittag. Praktisch ist es so, dass dringende e-Mails, Anrufe oder sonstige Unterbrechungen dazwischen kommen, aber da ich mich nicht schwer damit tue, mich nach einer Störung wieder in die Geschichte hineinzuversetzen, ist das nichtweiter schlimm.

Am frühen Nachmittag habe ich normalerweise ein schreiberisches Leistungstief und kümmere mich um Verwaltungskram oder unternehme etwas mit meiner Familie. Gegen 17.00 sitze ich dann wieder vor der Kiste und arbeite weiter; wenn die Muse mich leidenschaftlich geküsst hat, auch schon mal den größten Teil der Nacht hindurch, aber bis um Mitternacht mindestens. Es kommt also summa sumarum ein Zwölf-Stunden-Schreibetage zusammen. Ich denke, dass die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen ähnliche Arbeitspensen haben.

Natürlich gilt das nicht ausschließlich für JEDEN Tag; es gibt auch noch andere Verpflichtungen und Freuden neben dem Schreiben! Aber grundsätzlich sieht mein Tag so aus wie gerade geschildert.

Warum hast du dich dazu entschieden, historische Romane zu schreiben?

Ich habe ein starkes persönliches Interesse an Geschichte, also fiel es mir damals bei meinem ersten Roman nicht schwer, das historische Genre anzunehmen. Ich schreibe auch moderne Krimikurzgeschichten und arbeite derzeit an einem modernen Kriminalroman, der im Jahr 2013 bei Ullstein erscheinen wird. Mein erzählerisches Schwergewicht wird allerdings beim historischen Roman bleiben – da hängt einfach mein Herz dran.

Es ist aber auch das Vergnügen an der Recherche, das mich meinem Genre treu bleiben lässt. Historische Vor-Ort-Recherchen machen Spaß! Ich besuche alle wichtigen Schauplätze meiner Romane persönlich, spreche mit Historikern und Archivaren und mache mich selbst auf die Suche nach Überresten der Zeit, in der meine jeweilige Geschichte spielt.

Wie kommst du zu deinen Grundideen?

Ich nähere mich einer Geschichte auf zwei Wegen: entweder interessiert mich ein Thema (z.B. bei der Teufelsbibel-Trilogie die Implikationen, die ein Spruch von Augustinus in mir auslöste:„Der Preis deiner Liebe bist du selbst.“) oder ein historisches Ereignis (z.B. bei den Pforten der Ewigkeit das Große Interregnum und der Untergang der Katharer). In beiden Fällen konzipiere ich eine Geschichte, die mit dem Ort, dem gewählten Thema, den Charakteren, die die Story tragen, und der Epoche, in der ich sie ansiedle, eine Einheit bildet. Ich bin ein Feind von beliebigen Geschichten, die nur deshalb im Mittelalter spielen, weil das Mittelalter gerade en vogue ist, die aber eigentlich überall spielen könnten.

Was ist deiner Ansicht nach das Besondere, was das Schreiben von historischen Romanen vom Schreiben Romanen anderer Genres unterscheidet?

Man kann wunderbare Abenteuergeschichten mit großen Gefühlen schreiben, wenn man sich mit seinen Charakteren in der Historie bewegt. Ich möchte das Leuchten in den Augen meiner Leser sehen und ihre Herzen zum Pochen bringen, wenn man so will. Sicherlich spielt bei uns historischen Romanautoren aber auch eine gewisse pädagogische Ader eine Rolle; in Historienromanen kann man viele geschichtliche Fakten unterbringen und Aha-Effekte bei den Lesern auslösen – wenn sie gut geschrieben sind, sogar gewissermaßen im Vorbeigehen, also ohne dass die Leser merken, dass sie gerade etwas gelernt haben.

Was sollte man deiner Meinung nach unbedingt wissen und beachten, wenn man historische Romane schreiben möchte?

Beachten muss man das, was ich schon vorhin erwähnt habe: die Einheit von Thema, Ort, Charakteren, Story und Epoche. Ich rate auch dazu, die Recherche ernst zu nehmen und alle Fakten, die man sich angelesen hat, durch zweite Quellen zu untermauern und so viele Gespräche mit Fachleuten wie möglich zu führen. Historische Fehler in einem Historienroman sind peinlich, dadurch verrät man gewissermaßen das Genre, in dem man arbeitet. Ich halte das für unprofessionell und lasse daher „Fakten“, über deren Wahrheitsgehalt ich mir nicht ganz sicher bin, lieber weg.

Wie entwickelst du Figuren?

Meine Charaktere wachsen mit der Story, die ich erzählen möchte. Jede Figur hat eine bestimmte Aufgabe in einer Geschichte zu erfüllen, und ich gestalte sie im ersten Anlauf so, dass sie diese Aufgabe auch erfüllen kann. Im zweiten Anlauf ändere ich die Charakterisierung dahingehend, dass die Figur die Aufgabe zwar lösen kann, aber dabei jede Menge Schwierigkeiten bekommt. Ein einfaches Beispiel: wenn eine Figur jemanden vor dem Ertrinken retten muss, werde ich dafür sorgen, dass diese Figur nicht schwimmen kann …

Benutzt du Plotmuster und/oder Schreibpläne? Wie gehst du dabei vor, die Handlung deiner Romane zu entwickeln?

Ich schreibe ein recht ausgefeiltes Exposé, für das ich mir – bei komplizierten Romanhandlungen oder umfangreichen Storys – schon ein paar Wochen Zeit nehme. Dabei habe ich eine Mischung aus Vorgehensweisen: teilweise entwickle ich einen Handlungsstrang vom Anfang bis zum Ende und webe ihn dann in das Geflecht der anderen Handlungsstränge ein, teils entwickle ich die Story aber auch chronologisch und springe dabei von einem Strang zum anderen. Ich lege in dieser Phase fest, aus welchen Perspektiven ich die Geschichte erzähle. Alle meine Storys werden aus den Blickwinkeln der Figuren erzählt; ich glaube fest daran, dass die Charaktere die Story vorantreiben müssen. Daher kommt die auktoriale Erzählperspektive des allwissenden Erzählers bei mir nur äußerst selten vor.

Erst wenn ich das Gefühl habe, dass meine Geschichte schlüssig ist und das Exposé sie richtig wiedergibt, beginne ich mit der Arbeit am eigentlichen Manuskript.

Was ist für dich die wichtigste Schreibtechnik?

Ich lege großen Wert auf möglichst naturgetreue, zugespitzte Dialoge. Wenn ich diese schreibe, „spiele“ ich sie mir dabei quasi vor. Erst wenn ich sie so spielen und sprechen kann, dass die Gefühle, die ich damit transportieren will, erkennbar sind, halte ich sie für gelungen.

Wie und wie oft überarbeitest du deine Texte?

Ich arbeite schon beim ersten Schreiben des Manuskripts immer wieder vor und zurück. Wenn es fertig ist, kommen meine Probeleser ins Spiel, gleichzeitig lese ich das gesamte Manuskript meiner Frau einmal laut vor. Die Änderungsvorschläge, die dabei entstehen, arbeite ich in einer Komplettüberarbeitung ein. Danach geht das Manuskript an meinen Verlag, dessen Rückmeldungen wiederum eine Überarbeitung bedingen. Zuletzt kommen die Fahnenkorrekturen, bei denen man noch ein letztes Mal auf die Jagd nach Rechtschreib- und Tippfehlern geht.

Welches Feedback bekommst du von deinem Lektor und wie setzt du es um?

Das Feedback kommt in Form von ein, zwei längeren Gesprächen und von Kommentaren bzw. nachvollziehbaren Änderungsvorschlägen im elektronischen Manuskript. Ich habe als Autor die letztliche Entscheidung, ob ich einen Änderungsvorschlag umsetze oder nicht, aber als Autor tut man gut daran, sich nicht leichtfertig über die Vorschläge des Lektorats hinwegzusetzen. Man verliert zwangsweise die Objektivität mit seinem eigenen Manuskript, und die Anregungen von außen helfen einem, die Geschichte mit den Augen des nicht vorinformierten, unvoreingenommenen Lesers zu sehen.

Wie lange brauchst du im Durchschnitt für die Fertigstellung eines druckreifen Romans?

Vier bis acht Monate, Recherchereisen und Überarbeitungen inbegriffen. Manchmal treibt einen die Muse vor sich her, dann geht’s blitzschnell (für Die Pforten der Ewigkeit habe ich nur vier Monate gebraucht), manchmal hält einen eine Story etwas länger fest, weil man feststellt, dass man bei der Konzeption den einen oder anderen Aspekt übersehen hat oder vom Exposé abweicht, weil man plötzlich eine noch bessere Idee hat, wie die Geschichte erzählt werden kann.

Wie wir wissen, arbeitest du mit einer Literaturagentur zusammen. Wie hast du deinen Agenten/deine Agentin gefunden und wie sieht die Zusammenarbeit genau aus?

Meine erste Agentin habe ich gefunden, indem ich mehrere namhafte deutsche Agenturen anschrieb und bat, mir ein Angebot für meine Vertretung zu unterbreiten. Mittlerweile hat sie sich aus dem Geschäft verabschiedet, so dass ich vor einiger Zeit einen neuen Agenten gesucht habe. Da habe ich dann schon gezielt die Agentur angerufen, mit der ich zusammenarbeiten wollte, und nach einem Treffen den Vertrag unterschrieben.

Agent und Autor entwickeln im Idealfall zusammen die Projekte weiter, die dem Autor eingefallen sind. Ein guter Agent hat ein Gespür dafür, ob die Story, die der Autor erzählen will, überhaupt eine Marktchance hat; ob er sie besser komplett in der Schublade verschwinden lässt oder ob Änderungen nötig sind. Der Autor bleibt dabei der Schrittmacher; der Agent hilft ihm nur, dass er vor lauter Bäumen den Wald weiterhin sehen kann. Außerdem übernimmt der Agent die Vertragsverhandlungen mit den Verlagen, so dass der Autor sich auf die kreative Zusammenarbeit mit dem Lektorat konzentrieren kann und die ganzen kaufmännischen Streitereien um Vertragspassagen und Honorare nicht selber ausfechten muss.

Ein guter Agent ist aber auch die Anlaufstelle für den Autor, wenn der gerade mal einen Verzweiflungsanfall hat: weil er seiner Story plötzlich misstraut, weil er das Gefühl hat, alle anderen werden gelesen, nur er nicht, weil er meint, dass der Verlag nicht genug für ihn tut … und natürlich auch, wenn es wirklich mal um Probleme geht, weil z.B. die Zusammenarbeit mit einem Lektor nicht klappt oder weil Vertragszusagen nicht eingehalten werden.

Die Verlagswelt ist dank Möglichkeiten zum Self-Publishing und E-Books im Umbruch. Würdest du, wenn du deine Karriere heute beginnen würdest, auf einen Verlag verzichten und deine Bücher lieber selbst verlegen?

Nein, ich würde weiterhin den Weg über einen Verlag wählen. Die Zusammenarbeit mit einem namhaften Verlag schließt das E-Publishing nicht aus, weil die meisten davon eigene E-Book-Abteilungen haben oder mit entsprechenden Anbietern kooperieren. Es gibt einige berühmte Beispiele dafür, dass Autoren mit Self-Publishing ins Geschäft gekommen sind; es gibt noch viel mehr Beispiele dafür, dass Autoren es damit genau nicht geschafft haben.

Die Möglichkeit zum einfachen Self-Publishing im Elektronikzeitalter gibt uns Autoren sicherlich einen längeren Hebel als bisher in die Hand, weil wir nicht mehr zwangsweise auf Verlage angewiesen sind, um unsere Geschichten zu erzählen. Aber ein guter, engagierter Verlag ist ein extrem wichtiger Partner für einen Autor, und man sollte gut abwägen, ob man auf eine ehrliche und erfolgreiche Partnerschaft verzichten will.

Marketing und Internetpräsenz für Autoren sind gerade wichtige Themen. Wie hältst du es damit?

Ich habe eine eigene Homepage und eine zusätzliche Facebook-Präsenz. Daneben tummle ich mich in den Foren meiner Verlage und bin gerne bereit, bei autorenbegleiteten Leserunden in den bekannten Literaturforen mitzuwirken. Die Videos, die ich zuweilen für meine Lesungen erstelle, mache ich in youtube einen breiten Publikum bekannt. Das alles ist auch Teil meiner Marketingaktivitäten. Zusätzlich biete ich Lesungen, Vorträge und Autorengespräche an, begleite Urlaubsreisen als Vorleser/Vortragender und mache mich für Lesen in Schulen stark. Hier arbeite ich eng mit einer Eventagentur zusammen, die mir die organisatorischen Details abnimmt.

Das Material für die Enhanced-E-Book-Ausgaben meiner Romane stelle ich selbst zusammen, ebenso das Material für die meisten Mailingaktionen, die ich entweder selbst oder in Zusammenarbeit mit meinen Verlagen durchführe. Bei Verlosungsaktionen kann man schon mal einen Nachmittag mit mir gewinnen oder eine Einladung zu meinen Stadtführungen und Theaterprojekten in meiner Heimatstadt Landshut. Und wer ein persönlich signiertes Buch von mir möchte, kann dieses über meine Eventagentur www.events-fuer-autoren.de versandkostenfrei kaufen.

Ich halte es für wichtig, für meine Leser ansprechbar zu sein. Die meisten meiner eigenen Marketingmaßnahmen zielen daher darauf ab, mit meinen Lesern in Kontakt zu kommen – entweder in echt oder über das Internet. Die Werbemaßnahmen, die meine Verlage anstoßen – Anzeigen in Tageszeitungen und Illustrierten, Gesprächsrunden mit Journalisten oder Promotion-Reisen – kommen noch hinzu.

Rückblickend auf deine bisherige Karriere, was würdest du vielleicht anders machen? Welches sind deine Ziele für die Zukunft?

Ich würde mir von Anfang an einen Agenten suchen, weil man in der totalen Begeisterung, dass man für sein erstes Manuskript einen Vertrag angeboten bekommt, gerne mal Vertragspassagen akzeptiert, die einem später nur Nachteile bescheren.

Meine Ziele für die Zukunft? Ich möchte gerne mit 109 Jahren tot über der Tastatur zusammenbrechen, nachdem ich ENDE unter die letzte Manuskriptzeile getippt habe. Oder mit 112 Jahren. Und ich wünsche mir sehr, dass ich bis dahin nicht verlernt habe, meine Leser zu begeistern und zu unterhalten.

Was ist dein wichtigster Ratschlag für jemand, der mit dem Schreiben beginnen möchte?

Ein Autor sollte sich immer als Handwerker begreifen, dessen Erfolg davon abhängt, wie gerne seine Kunden mit seinen Handwerkserzeugnissen umgehen. Dass ein künstlerischer Aspekt dabei ist, ist kein Hindernis – auch ein guter Möbelschreiner wird sich in gewissem Maß als Künstler verstehen. Dieser Ratschlag richtet sich nicht an diejenigen, die Schreiben zur Selbsttherapie betreiben (was auch völlig in Ordnung ist), sondern an diejenigen, die als Autoren auf dem Markt Fuß fassen wollen. Denken Sie immer daran: eine Geschichte ist erst zur Hälfte fertig, wenn sie geschrieben ist – sie muss auch gelesen werden, um vollständig zu sein.

Wozu würdest du unveröffentlichten Autoren raten, die eine Publikationsmöglichkeit für ihr Manuskript suchen?

Da gibt es ein paar einfache Grundregeln:

  • Werden Sie sich darüber klar, was Sie geschrieben haben – einen Krimi oder einen Liebesroman?
  • Werden Sie sich über Ihr Zielpublikum klar.
  • Werden Sie sich darüber klar, worum es eigentlich geht (das Thema Ihrer Geschichte)
  • Werden Sie sich darüber klar, worin sich Ihre Geschichte von den 90.000 anderen Neuerscheinungen jährlich unterscheidet
  • Fassen Sie all das in drei bis fünf Sätzen ohne allzu viele eingeschobene Nebensätze zusammen
  • Finden Sie den richtigen Verlag für Ihre Geschichte (das können Sie, indem Sie im Buchladen schauen, welche Verlage ähnlich gelagerte Romane publizieren)
  • Rufen Sie dort an, senden Sie kein unverlangtes Manuskript ein.
  • Lassen Sie sich von Absagen nicht entmutigen.

Hast du dich für das Genre historischer Roman entschieden, weil du dir kommerziellen Erfolg davon versprochen hast?

Ich habe, bevor ich mein erstes Romanprojekt startete, auf den Bestsellertischen in den Buchläden geschaut, wofür sich die Leser gerade begeistern. Zu meiner Freunde war das damals der historische Roman (Ken Follett, Noah Gordon und Kollegen waren gerade in den Bestsellerlisten). Ich konnte also frohgemut in ein Genre einsteigen, für das ich mich ohnehin hätte entscheiden wollen.

Würdest du, wenn der Markt sich ändert, auch Romane anderer Genres schreiben?

Mir kommt es darauf an, gute, spannende Geschichten zu erzählen – Gefühle in meinen Lesern zu wecken, sie zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Im Rahmen dessen ist mir grundsätzlich jedes Genre recht; aber selbstverständlich gibt es Genres, die in einem nicht so liegen, und ich glaube, dass man nicht wirklich überzeugend eine Geschichte erzählen kann, deren Setting einem schon von Grund auf nicht gefällt. Insofern würde ich mich, falls der historische Roman plötzlich völlig aus dem Wohlwollen des Publikums verschwinden sollte, bei den dann gerade beliebten Genres umsehen und hoffen, dass ich mich bei einem wiederfände.

Ich arbeite ohnehin zur Zeit an einem modernen Kriminalroman für den Ullstein-Verlag; und vielleicht kann ich mit meinen Jugendbüchern bei Ravensburger ein bisschen ins Fantasy-Genre hineinschnuppern. Mit meinem Perry-Rhodan-Roman Toufec habe ich ja schon mal einen Versuch in Sachen Science Fiction abgeliefert …

Hast du Vorbilder? Wenn ja, welche und was findest du an ihnen vorbildlich?

Meine großen Vorbilder sind Raymond Chandler (was die Knappheit der Erzählung und die lakonische Sprache angeht), Stephen King (was die mühelose Charakterisierung von Figuren betrifft), T.C. Boyle (für wunderbar abstruse und doch logische Wendungen in den Plots seiner Geschichten) und Terry Pratchett (für seine Gabe, gestochen scharfe Gesellschaftskritik und tiefe Menschlichkeit mit Hilfe schreiend komischer Geschichten zu transportieren).

Du veranstaltest viele Schreibkurse. Was motiviert dich dazu, anderen Menschen das Schreiben beizubringen?

Mir macht das Schreiben viel Spaß. Es bereichert mein Leben. Ich denke, dass es viele Menschen gibt, die ein ähnliches Talent wie ich besitzen und die ihr Leben mit dem Schreiben ebenso bereichern könnten, aber nicht so recht wissen, wie sie es anfangen sollen. An diese Menschen richtet sich mein Angebot. Ich bin jemand, der sein Wissen gerne teilt und anderen über die Schwellen hilft, über die ich selbst vielleicht mühsam kraxeln musste.

Kann man in deinen Schreibwerkstätten nur das Schreiben historischer Romane lernen?

In meinen Schreibwerkstätten kann man die Grundzüge des Geschichtenerzählens lernen. Dies beschränkt sich nicht auf den historischen Roman, tatsächlich nicht einmal auf das Romanschreiben an sich. Mein Angebot können z.B. auch Drehbuchautoren nutzen oder Autoren von PC-Games. Zusätzlich gibt es noch für all diejenigen, die gerne ein Buch mit ihrem Namen drauf in den Buchläden haben möchten, wertvolle Tipps zum Kontakt mit Verlagen und zum Selbstmarketing.

Lieber Richard Dübell, vielen dank für deine Zeit.

War mir ein Vergnügen!

Mehr über Richard Dübell:

5 Gedanken zu “Interview: Richard Dübell

  1. Hallo Marcus, hallo Axel,

    vielen Dank für eure interessanten Fragen und dass ihr mir die Möglichkeit gegeben habt, hier darauf zu antworten. Alles Gute und viel Erfolg weiterhin! 🙂

    LGr,
    Richard Dübell

  2. Aufgrund der Länge des Interviews kam ich erst jetzt dazu, es zu lesen. Tolle Fragen, tolle Antworten. Ein sehr aufschlussreiches Interview. Besonders gut gefallen hat mir der Fokus auf den Leser, für den man letztlich schreibt und der für den Erfolg einer Autorenkarriere so wichtig ist. Und im Interview ist auch sehr schön deutlich geworden, dass der Beruf Schriftsteller viel abverlangt. 12-Stunden-Schreibtage haben vermutlich wenig mit der romantischen Vorstellung so mancher Hobbyautoren zu tun, die sich eine Autorenkarriere vor allem als Aneinanderreihung von Partys und gemeinsamen Fototerminen mit einflussreichen Politikern vorstellen. Ein sympathisches Interview, in dem die Liebe von Richard Dübell zu seinem Beruf durchklingt. Danke euch dreien für die interessanten Einblicke in den Alltag eines Erfolgsautors!

    • Sehr richtig, deine Bemerkungen. Wer Richard einmal erlebt hat, weiß auch, dass er seinen Job wirklich voller Leidenschaft lebt. Sehr beeindruckend. Ich kann jedem nur raten, ihn einmal kennenzulernen. Zum Glück ist er ja auch was Lesungen, Seminare und Stadtführungen angeht, sehr aktiv, so dass es gar nicht so schwierig ist, ihn kennenzulernen.

      Ich habe beim Interview auch ziemlich geschluckt – 12-Stunden-Arbeitstage. Bitter. Auf der anderen Seite braucht Richard für einen Roman nur vier bis acht Monate. Das ist schon eine immense Leistung. George R.R. Martin braucht vier bis acht Jahre – und der schreibt Fantasy und muss nicht einmal groß recherchieren.

      Sage deine ernüchternden Erkenntnisse über den Autorenalltag aber bloß nicht dem Axel weiter, der sich schon längst mit einer dicken Zigarre vorm Kamin sieht, während er auf dem iPad gemütlich das Aufsteigen seiner Thriller in den Bestsellerlisten verfolgt. Wenn der erfährt, dass das gar nicht so ist, dann macht der mit mir keine Podcasts mehr und versucht lieber Geld zu verdienen.

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