Wie lang soll der Anfang meines Romans sein?

DIE SCHREIBDILETTANTEN
Web: http://www.dieschreibdilettanten.de
Facebook: http://www.facebook.com/DieSchreibDilettanten
Twitter: http://twitter.com/autorenpodcast

MARCUS JOHANUS
Web: http://www.marcus-johanus.de
Facebook: http://www.facebook.com/Marcus-Johanus
Twitter: http://twitter.com/marcusjohanus

AXEL HOLLMANN
Web: http://www.axelhollmann.com
Facebook: http://www.facebook.com/axelhollmannautorenseite
Twitter: http://twitter.com/axelhollmann

23 Gedanken zu “Wie lang soll der Anfang meines Romans sein?

  1. Ruhig ist nicht der Gegenpol zu spannend. Man kann auch Spannung in einem ruhigen Text aufbauen. Und Action muss nicht unbedingt spannend sein.

    Nun ja, ich habe mir mal Blondes Gift bei Amazon angeschaut. Auf 350 Seiten sollte man eine Figur schon charakterisieren und herausarbeiten können.
    Vielleicht wäre es eine Anregung, es besser zu machen. Die Grundidee hört sich ja spannend, jemand muss innerhalb einer bestimmten Zeit ein Gegengift finden, ansonsten stirbt er.

  2. Danke für die spannende Folge.
    Vor ungefähr einem Jahr hattet ihr etwas über Mitten erzählt. Wisst ihr darüber mittlerweile mehr? Habt ihr dazugelernt? Und was tut man gegen Langeweile und Ungeduld beim Schreiben über den Anfang hinaus? Also beim Schreiben der ruhigeren Szenen. Die Mitte halt.

    Viele Grüße,
    André

    • Hi André,

      dazu habe ich mal einen schönen Spruch gehört, der den Nagel auf den Kopf trifft: Schreib die Mitte des Buches so, dass sie dich nicht langweilt – Problem gelöst. Die Mitte eines Romans ist nicht dazu da, dass man schnell zum spannenden Ende kommt. Hier „reift“ der Roman. Du kannst (und solltest) zum Beispiel den Helden quälen. Mehr und mehr. Ihn in Sackgassen laufen lassen. Den Schurken brillieren lassen. Cool, oder?

  3. Hm, ist die Länge wirklich das Problem hier?

    Wie schon angesprochen, es muss eine geeignete Szene sein, und ihr habt da das, was ich „gefühlsmässig“ schon vermutet habe gut auf den Punkt gebracht. Der Text sollte einem die Möglichkeit geben, den Hauptcharakter in einer Situation kennenzulernen, wo man ihm als Mensch näher kommen kann, was ja bei einer Actionszene nicht geht, allerdings sollte das Geschehen nicht so trivial sein, dass es langweilt.

    So ein Charakter lebt ja in einer fiktiven Zeitlinie, also mir geht es so, der Charakter lebt ein Leben, hat also eine Zeitachse und auch eine Existenz vor dem zu schreibenden Geschehen die schon relativ klar in meinem Kopf ist.

    Ich erfinde Geschichten sehr Lebensgeschichte-orientiert. Für mich ist es nicht einfach, festzulegen, an welcher Stelle der fiktiven Lebensgeschichte des Charakters ich dann überhaupt in den Text einsteige.

    • Ja, die Länge ist das Problem, aber nun einmal nicht das einzige, würde ich sagen. Das Problem ist hier – wie so oft beim Schreiben -, dass die Antwort so kompliziert ausfällt, weil es stark auf den Kontext ankommt.

      Natürlich kann ich mit einer Actionszene einsteigen. Wenn ich beispielsweise den Geheimagenten zu Beginn des Romans zeige, wie er versucht, in einer Schießerei seine Familie vor den tödlichen Schüssen gegnerischer Agenten zu retten und sich dabei schwört, diesen Job an den Nagel zu hängen und sich der Rest des Romans darum dreht, wie schwer es ist, aus diesem Beruf auszusteigen – dann ist das ein grandioser Anfang, würde ich sagen. Denn die Actionszene hat Kontext, ein Thema, an das die meisten Leserinnen andocken können, verrät, worum es im restlichen Roman geht usw.

      Die Länge einer solchen Szene hängt dann davon ab, dass ich all diese Themen auch schon auf den ersten Seiten deutlich mache und den Ton für den gesamten Roman gesetzt habe. Das kann nicht auf einer Handvoll Seiten geschehen. Ich vermute, so um die 2000 Wörter wird man dafür schon brauchen.

      Andere Themen und andere Kontexte brauchen vielleicht nur 500 oder 1000 Wörter, wieder andere wahrscheinlich 4000 Wörter.

      Spontan würde ich sagen, gerade SF-, Fantasy-Romane und ähnliche Genres brauchen eher mehr Wörter als weniger, denn sie müssen auf den ersten Seiten nicht nur die Figuren, sondern auch ein fremdartiges Setting einführen.

      Andere Genres, wie beispielsweise halt Krimis, können mit einem gut erzählten Mord mit ein paar hundert Wörtern schon alles erfüllen, was ein guter Anfang baucht.

    • Ich bin auch nicht der Freund von Actionszenen in Büchern. Actionszenen in Büchern funktionieren meiner Ansicht nach nicht. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo eine spannende gelesen zu haben.

      • Action in Büchern?
        Funktioniert!

        Ein Meister darin ist für mich Bernard Cornwell. Sowohl seine Sharpe- als auch seine Uthred-Romane haben jede Menge grandiose Actionszenen.

        Okay, das Subgenre Battle-Adventure bei historischen Romanen ist wahrscheinlich nicht so ganz das eure.

        • Wie gesagt, bei Action-Szenen bin ich echt skeptisch. Kann mich an keine erinnern, die für mich funktioniert hat. Die Sharpe Bücher von Cornwell kenne ich nur dem Namen nach. Die Uthred-Romane habe ich teilweise gelesen. Das Genre interessiert mich durchaus 🙂

        • Ich lese Sanderson, Jim Butcher und Scalzi. Gute Autoren – aber auch bei ihnen zünden Actionszenen für mich nicht. Viele Jahre habe ich beim Schreiben Spannung und Action miteinander verwechselt. Ein großer Fehler. Das Problem von Actionszenen: Beim Schreiben geht es immer darum, dass der Leser die Gefühle der Figuren teilt. Bei Action Szenen kann das (i. d. R.) nicht funktionieren, denn auf zehn Seiten zu lesen, was in zehn Sekunden passiert, treibt nun einmal nicht den Puls nach oben.

  4. Auch wieder ne tolle Episode.

    Interessant fand ich, als Axel meinte, dass manche Prologe wie Kurzgeschichten funktionieren. Wenn diese „Kurzgeschichten“ dann auch noch mit dem Rest des Romans funktionieren ist das natürlich nochmal besser.
    Gut gemacht fand ich das zum Beispiel in „Steelheart“ von Brandon Sanderson. Hier fühlte sich der Prolog für mich tatsächlich wie eine „abgeschlossene“ Kurzgeschichte an. Wir lernen die Hauptfigur kennen, der Schurke wird vorgestellt und der Hauptkonflikt vorbereitet. Beziehungsweise die Motivation der Hauptfigur. („Ich hatte Steelheart bluten sehen…“)

    In meinem aktuellen Projekt habe ich auch einen Prolog, in dem der „MacGuffin“ (ist nicht der klassische MacGuffin, weil das Objekt später in der Story tatsächlich nochmal eine Rolle für den Plot spielt) in der Vergangenheit vorgestellt wird, der dann für die Geschichte in der Gegenwart wichtig wird.
    Ich war die ganze Zeit am Überlegen, ob ich das rausstreiche oder nicht. Offenbar sind Prologe im Moment ja aber „en vogue“, also lass ich drin. Danke Schreibdilettanten :).

    Ansonsten hatte ich mich an eine Writing-Excuses-Folge erinnert. Zum Thema „Hollywood-Formel“. Ein Gastredner erklärt die Länge der einzelnen Teile eines Films. Er erklärt, dass bei einem 120-minütigen Film Einleitung und Schluss etwa 30 Minuten dauern, der Hauptteil dagegen 60. Diese Proportion bliebe weitgehend bestehen, egal wie lang der Film ist. Also 25%,50%,25%.
    Darüber hinaus erklärt er, dass nach etwa 15 Minuten (es war glaube ich etwas weniger, aber so ist’s leichter zu rechnen :)) eine Entscheidung des Helden kommt, ob er überhaupt am Abenteuer teilnehmen will. Verlässt Luke Tattooine? Nimmt Neo die rote (blaue?) Pille?
    15 Minuten wären bei einem 120-Minuten-Film 12,5% der Geschichte.
    Formelhaft – auf Bücher übertragen – könnte man sagen: 12,5% von einem Buch können „Anfang“ sein.
    Bei einem 400-Seiten-Buch also die ersten 50 Seiten. (Würdet ihr sagen, dass das schon zu viel ist?)
    Es kommt halt echt auf die Geschichte an. Ich würde mich – wie so oft – im Zweifel nicht zuuuu streng an irgendwelche Formeln halten.
    Wichtig ist wirklich, dass direkt schon etwas Wichtiges/Spannendes passiert. Dass der Held in seiner Alltagswelt gezeigt wird, wir aber schon erahnen können, was seine Stärken (und/oder Schwächen) sind. Was fehlt dem Helden in seinem Leben. Sowas.

    Um nochmal mein aktuelles Projekt zu bemühen: Die Geschichte beginnt (also nach dem oben angesprochenen Prolog) auf der Arbeitsstelle der Hauptfigur – er ist Kellner. Erstmal nicht sonderlich spannend. Ich bin auch nicht wirklich gut darin, Sympathie für die Figuren zu wecken, deswegen beginnt schon direkt auf Seite 1 ein „Mysterium“, das die Figuren auf die Spur der übergeordneten Geschichte führt.
    Offenbar muss ich aber noch daran arbeiten. Ich glaube ihr habt völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass der Leser schon Sympathie mit der Figur haben muss, bevor ihn interessiert, was es mit dem „Mysterium“ auf sich hat. Werd ich nochmal schauen, ob das besser geht.

    • Sanderson ist einfach ein Meister. Steelheart ist ein genialer Roman und der Prolog ist der Hammer, weil er wirklich alles leistet, was ein wirklich guter Prolog halt nun einmal leisten muss und das mit einer Leichtigkeit, das einem gar nicht auffällt, wie genial Sanderson ist, weil es so spannend ist. Perfektes Beispiel – und in meinen Augen tausendmal besser als der Eismonster-Prolog von Martin.

      Ja, Sympathie mit der Hauptfigur ist meiner Meinung nach unerlässlich und nur in Ausnahmefällen kommt man ohne aus. Deswegen hat Doyle Sherlock Holmes Dr. Watson zur Seite gestellt und ihm die Perspektive gegeben, weil er wusste, das Holmes (zumindest in den ersten Geschichten) keine Figur ist, die den Leser*innen sympathisch sein kann. Aber das war ein sehr waghalsiges Manöver, das ich niemanden zur Nachahmung empfehlen würde. Wahrscheinlich hat es bei Doyle auch nur deswegen funktioniert, weil er ein Pionier des Genres war.

      Ähnliche Figuren, wie beispielsweise der Mentalist oder Castle werden heutzutage ganz anders angelegt. Der Mentalist wird vor allem über Mitleid dem Publikum nähergebracht und Castle mittels seiner liebenswerten Trotteligkeit und indem er als aufopferungsvoller Vater gezeigt wird. Selbst der Sherlock aus Elementary wird dank seiner Vergangenheit als Junkie, über die er ja in der Serie definiert wird, als mitleidswürdige Figur eingeführt.

      An die WE-Folge erinnere ich mich auch noch gut und das, was du beschreibst, ist astreines Drehbuchhandwerk. Zwei Dinge sollte man dabei aber nicht vergessen: Das sind Richtlinien, keine Regeln, die es sklavisch zu befolgen gilt. Drehbuchlehrer geben ihren Schülern zum Beispiel auch die Aufgaben, ihren Film aus exakt 40 Szenen bestehen zu lassen. Nicht 39, nicht 41, sondern exakt 40. Am Ende gibt es viele Filme, die mehr oder weniger Szenen haben. Aber es ist halt ein guter Richtwert und eine gute Übung, einen Plot mit einer exakten Szenenzahl zu entwickeln, damit hinterher keine Skripte mit 10 Szenen oder 100 entstehen. Man lernt, mit Strukturen zu arbeiten und Vorgaben zu erfüllen.

      Soll heißen: Ja, es ist sinnvoll sich damit zu beschäftigen. Am Ende würde ich daran aber nicht kleben. Es ist ohnehin heikel, Drehbuchhandwerk 1:1 aufs Romanschreiben zu übertragen – obwohl ich ein großer Fan vom Drehbuchschreiben bin und mich auch schon intensiv damit beschäftigt habe.

      Noch etwas zum MacGuffin: Der MacGuffin spielt immer eine sehr große Rolle für den Plot. Der MacGuffin ist nur so etwas wie die Insel in LOST – Dreh- und Angelpunkt des Plots, Auslöser der Handlung, ohne dass die Leser*innen je erfahren, was es genau damit auf sich hat.

      MacGuffins sind ein wirklich mächtiges Spannungswerkzeug, aber auch sehr, sehr heikel. Hitchcock war halt ein Meister, der MacGuffins wirklich, wirklich gut nutzen konnte. Als Erstautor*in würde ich mir mehrfach überlegen, ihn zu benutzen, denn man kann damit auch wirklich in den goldenen Eimer greifen (und auch Hitchcock hat ihn ja nicht in seinen ersten Filmen benutzt, sondern erst, nachdem er schon ein erfahrener Regisseur war).

      • Eventuell habe ich eine falsche Vorstellung vom Begriff „MacGuffin“.
        Am Beispiel: Sie finden das Objekt im Verlauf der Handlung und es spielt zunächst nicht DIE große Rolle. Sie wissen auch gar nicht, WAS es überhaupt ist.
        Deswegen habe ich es in einem in der Vergangenheit spielenden Prolog vorgestellt, damit der Leser schon weiß, was es damit auf sich hat, sobald es später in der Geschichte auftaucht.

        @Drehbuchhandwerk: Fand ich interessant zu lesen. Eventuell wäre das auch mal ne Episode. „Drehbuchtechniken auf Bücher übertragen. Dos und Don’ts.“
        (Hab noch nie die Phrase „dos and don’ts“ geschrieben. Sie ja reichlich blöd aus ;))

        @Brandon Sanderson: Ja, Steelheart war klasse. Ich bin hauptsächlich Deutsch-Leser und warte sehnlich auf die Übersetzung des dritten „Reckoners“-Bandes.
        Ansonsten freue ich mich auf „Sturmklänge“ (engl. „Warbreaker“). Hab ich schon hier liegen, aber im Moment noch zu viel an der Uni zu tun. Ab Freitag wird das zum Glück merklich weniger.
        Gerade so dicke Bücher lese ich gerne am Stück und da nehme ich mir dann auch mal 3 oder 4 Tage um in die Welt zu versinken. Freu mich sehr aufs Wochenende :).

        Castle und Mentalist kenne ich leider beide nicht. Wollte ich aber schon länger mal reinschauen.

    • Sympathie für einen Kellner an seiner Arbeitsstelle wecken? Das bekommst du hin: Ein Gast, der sich grundlos beklagt. Ein Tablett, das nen Abgang macht und alle lachen (dein Held weiß, er muss den Mist aus eigener Tasche löhnen und weiß noch nicht einmal, wie er seiner Freundin was zum Geburtstag zahlen soll). Mysterium auf Seite 1 klingt gut.

      • Danke für die Denkanstöße. 🙂
        Tatsächlich hatte ich das mit fallenden Tablett. Er kann aber Vieles retten, weil er ist ja ein Profi-Kellner. 😉

        Da sieht man aber mal, dass du/ihr im Schreiben viel mehr drinsteckt als ich. Die Idee „muss Schaden zahlen und weiß nicht, wie er dann seiner Freundin etwas schenken soll“ ist so einfach wie genial.
        Ich denke, gerade mit diesem Sympathie-schaffen muss ich mich wirklich nochmal beschäftigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *